GESELLSCHAFTSSTRUKTUR UND TRADITIONEN DER SWANEN
Der Mangel an bewirtschaftbarem Land und die daraus resultierende Armut
verhinderte die Ausdifferenzierung der Bergbevölkerung in Klassenschichten. Es
gab deshalb auch kaum Feudalbeziehungen in den georgischen Hochländern. In Pshavi,
Khevsureti, Mtiuleti, Khevi, Tusheti und Svaneti hatte sich die Bevölkerung immer
gegen die Knechtschaft gewehrt und ihren kommunalen Lebensstil bis zum 20.
Jahrhundert bewahrt.
In früheren Zeiten war Svaneti Saeristavo (eine Landesverwaltungseinheit) ein
wichtiger politischer und wirtschaftlicher Bestandteil des georgischen Staates.
Das königliche Gericht ernannte das Oberhaupt von Swanetien. Nachdem sich
Georgien in kleinere Königreiche und Fürstentümer aufspaltet hatte, wurde die
Verwaltungseinheit Svaneti Saeristavo abgeschafft und geriet unter den Einfluss
benachbarter Fürstentümer. Am Anfang des 19. Jahrhunderts fiel Kvemo-Swanetien
(Nieder-Swanetien, heute der Bezirk Lentekhi) unter die Herrschaft des Samegrelo
Fürstentums von Dadiani. Dagegen wurde der westliche Teil von Zemo-Swanetien
(Oberswanetien, heute der Bezirk Mestia), den man auch "Swanetien unterhalb von
Bali" nannte, am Ende 18. Jahrhunderts dem Dadeshkelianis Fürstentum zugeordnet.
Der östliche Teil Ober-Swanetiens (das Gebiet über Bali, welches von der Latali
Gemeinde bis hin zur Quelle des Fluss Enguri reicht) behielt nach langen und
harten Kämpfen hingegen seine Unabhängigkeit.
Der "Makhvshi"
Das Leben in kleinen Gemeinden war für die georgischen Hochländer von jeher
charakteristisch. Ein Anführer, der "Khevisberi" (oder auch: "Khutsi" in
Khevsureti, "Dekanozi" in Tusheti und "Makhvshi" in Swanetien), führte die
Gemeinschaft. In Swanetien wurde der "Makhvshi" von der Gemeindeversammlung
gewählt, an der alle männlichen und weiblichen Gemeinschaftsmitglieder über
zwanzig Jahre teilnehmen durften. Der "Makhvshi" sollte eine angesehende
Persönlichkeit des Dorfes, und bekannt für seine Intelligenz, Zuverlässigkeit,
Ehrlichkeit und Gerechtigkeit sein. Er mußte ein gläubiger Christ sein,
fungierte in Friedenszeiten als Richter und trug in Zeiten des Krieges die
Verantwortung für die Verteidigung des Dorfes.
Er schlichtete alle Streitigkeiten, die in der Dorfgemeinschaft auftraten,
wobei dabei immer vier oder fünf Zeugen anwesend sein mußten. "Makhvshi"
sollten streng, aber fair urteilen: Straftäter, Diebe und Menschen, die dem
Dorf Schande bereiteten, wurden verurteilt und verbannt. Sie waren für immer
von der Gesellschaft geächtet. Der ganzen Familie eines Straftäters war es
verboten ihr Korn in der Gemeinschaftsmühle zu mahlen, sie durften nicht in
die Kirche gehen und ihr Vieh durfte nicht mit dem Vieh der restlichen
Gemeinschaft weiden (Vazha Pshavela).
Die "Tagung von Khevi"
Bei wichtigen Anlässen wurde ein gemeinsamer Kongress aller ländlichen
Gemeinden abgehalten, die "Tagung von Khevi". Auf dieser Tagung wurden
relevante innen- und außenpolitische Themen, nachbarschaftliche Probleme, die
Vorbereitung auf mögliche Kriege und Verteidigungsstrategien besprochen. Ebenso
diskutierten die Anwesenden über Bauvorhaben, z.B. große Kirchen, Festungen,
Straßen und Brücken, und verhandelten, welchen Beitrag jede Gemeinde zum
jeweiligen gemeinsamen Projekt zu leisten hatte. Die Tagung beriet weiterhin
auch über gesetzliche Fragen und erlegte Strafen auf.
War ein schweres Verbrechen begangen worden, pflegte der "Makhvshi" die
"Khevi-Tagung" einzuberufen. Dort wurde dann über den Ausschluß des Übeltäters
aus der Gemeinschaft und das Verbrennen seines Hauses entschieden. Manchmal
sprach die Khevi-Tagung sogar Todesurteile aus.
Alle Entscheidungen wurden hierbei von den Anwesenden per Mehrheitsvotum
gefällt. In der gesetzlichen Hierarchie war die "Tagung von Khevi" die höchste
Instanz und deshalb niemanden Rechenschaft schuldig. Alle Entscheidungen, die
dort getroffen wurden, waren endgültig und unwiderruflich.
Gerichtsverfahren
Alle anderen Straf- und Zivilangelegenheiten wurden in einem amtlichen
Gerichtverfahren verhandelt, dass von Vermittlern bzw. Richtern, die man in
Swanetien "Morvals" nannte, geleitet wurde. Die prozessführenden Parteien
wählten als "Morvals" jeweils einen Verwandten oder einen Außenstehenden.
Der Verhandlungsprozess war lang und dauerte oftmals auch mehrere Jahre. Ein
Schwur beider Parteien bedeutete das Ende des Streites. Nach diesem Schwur
bestanden keinerlei Zweifel mehr an der Fairness des Urteils und es erlangte
einen endgültigen und unwiderruflichen Charakter. Nach Bekanntwerden des
Urteils wurde traditionell von den Richtern ein Stein in den Boden eingegraben,
der symbolisch für das Ende der Streitigkeiten und die Versöhnung der Parteien
stand.
Aufstände
Die letzte Tagung von Khevi fand 1875 statt. Sie war einberufen worden, weil
die russische zaristische Regierung Steuererhöhungen beschlossen hatte und der
russische Gouverneur in diesem Zusammenhang plante, mit der Registrierung der
Ländereien und des Viehbestandes zu beginnen. Innerhalb der swanischen
Bevölkerung erwuchs dagegen massiver Protest und viele schworen öffentlich,
diese Entscheidung der Regierung zu missachten. Zweitausend bewaffnete Bauern
blockierten daraufhin alle Straßen und Pfade nach Swanetien. Die zaristische
Regierung wurde davon überrascht und mußte einen Kompromiss eingehen, damit
sich die Bewohner beruhigten. Ein Jahr später, 1876, gelang es der Regierung
unbemerkt eine riesige Armee nach Swanetien zu führen. Am 20. August wurde der
Befehl erlassen die Türme von Khalde, in denen sich ca. fünfzig Rebellen
versteckt hielten, zu belagern.
Unter Führung von General Tsitovich waren an dieser Strafoperation vier
Kompanien des 161. Infanterieregiments aus Alexandropol, zwei Einheiten der
Infanteriemiliz aus Kutaisi, eine Geschützmannschaft der 39.
Bergsteigerartilleriebrigade, Truppen der Guria-Miliz und ein Becho-Armeekorps
beteiligt. Fünf Kosakenstationen wurden angelegt um eine sichere Kommunikation
mit Kutaisi gewährleisten zu können.
Nach sechs Tagen fortwährender Gefechte zerstörten die zaristischen Truppen
alle elf Türme, sämtliche Steinhäuser und Holzgebäude und verbrannten ganze
Getreidefelder des Dorfes Khalde.
Die Regierungstruppen hatten insgesamt zwölf tote Soldaten und zwei
Verletzte zu verzeichnen. Von den Bewohnern des Dorfes starben zwei unter den
Ruinen der Türme, acht wurden verhaftet, den anderen gelang die Flucht aus
Khalde. Am 28. August zogen die russischen Truppen aus dem zerstörten Dorf
ab.
Die Khalderevolution war der dritte und letzte bewaffnete Aufstand der
georgischen Bergbewohner gegen das russische Zarenreich. Der erste Aufstand,
die Mtiuletirevolte, wurde im Jahre 1804 unterdrückt, und auch der
Kakheti-Aufstand im Jahre 1812 wurde niedergeschlagen. Jene Khevsurs, die eine
aktive Rolle in der Kakhetirevolte spielten, wurden von Ratishev, dem Vizekönig
des Kaukasus, hart bestraft. Russische Militärtruppen unter Führung der
Generäle Simonovich, Tikhonovski und Stal marschierten in Khevsureti ein,
woraufhin es zu Auseinandersetzungen mit den Bewohnern kam und im Ergebnis
dessen die Khevsurs im Dorf Guro unterdrückt wurden.
Die Swanen und die Landwirtschaft
Während Agrarland in Swanetien Privatbesitz war, galten Weiden und Wiesen
als Gemeinschaftsgut. Daneben gab es Ländereien und Waldgebiete, die sich in
Kirchenbesitz befanden und für deren Bedürfnisse und religiöse Zwecke
verwendet wurden. Der Dorfvorsteher, der "Makhvshi", kontrollierte die Nutzung
der Weiden, Wiesen und des Waldes durch die Bevölkerung, regelte Probleme der
Landneuverteilung und des Vermessens.
Die Swanen waren abhängig von ihrer Getreideernte, denn es war schwierig
und oftmals sogar unmöglich Getreide aus dem Tiefland in die Berge zu
transportieren. Es ist jedoch nicht leicht in den Bergen Landwirtschaft zu
betreiben, weil schwere Regenschauer und reißende Murenabgänge häufig die
bestellten Felder abwaschen, oder sie z.B. durch Hagelschauer zerstört werden.
Deshalb wünschen sich die Swanen immer gutes Wetter.
Während der Feldarbeiten arbeiteten Frauen und Männer zusammen. Es war
deshalb üblich, dass eine junge Braut immer eine Sichel zusammen mit der
Mitgift in die Familie des Ehemanns brachte.
Um sich Nebeneinkommen zu erwirtschaften, arbeiteten die Swanen im
Winter in den Dörfern im Tiefland. Dabei kam ihnen zu Gute, dass sie
aufgrund ihrer harten Lebensumstände sehr stark und geschickt waren.
Deshalb, und weil die Swanen außerdem sehr fleissig arbeiteten, wurden
ihre Arbeitskraft hoch geschätzt.
"Lamproba", "Horieshmao" und andere Feste
Traditionell fingen die Vorbereitungen für die Erntesaison schon zu Neujahr
an. Anfang Februar feierten die Swanen das Fest „Lamproba“ (Lichtmesse).
Für dieses Fest wurden Fackeln aus zusammengebundenen Birken-Stöcken
hergestellt, von denen jede Familie drei Stück erhielt. Diesen waren der
Heiligen Jungfrau, dem Heiligen Georg und der Himmlischen Gnade gewidmet.
Die Heilige Jungfrau galt als Schutzpatronin der Ernte. Am Vorabend des Festes
kamen die Menschen mit den Fackeln auf den Friedhof in der Nähe der Kirche und
verbrannten sie dort. Extra für das "Lamproba" wurden auch spezielle Kekse,
die "Lemzirs", gebacken und dann gemeinsam gegessen. Ein weiterer Brauch war es
im Winter einen Schneeturm zu bauen. Dafür benutzte man einen Holzpfosten, der
in die Mitte des Turms gestellt wurde und an den ein Kreuz gehängt wurde. Die
Jugendlichen, die sich entsprechend ihrer Dorfviertel in Gruppen aufgeteilt
hatten, versuchten den Schneeturm in ihre Richtung zu stürzen. Dies, so glaubte
man, bringe eine gute Ernte. Es galt als gutes Zeichen, wenn man dabei das Kreuz
ergreifen konnte.
In den letzten Wochen des Herbstes fing der so genannte "Horieshmao" an: Das
Familienoberhaupt schlägt erst zwei Eisenbarren aufeinander und betet dann, um
die Geister zu erschrecken. Daraufhin geht er nach draußen und schießt mit
seinem Gewehr in die Luft. Die Ehefrau bindet schwarze Fäden an die rechte
Hande aller Familienmitglieder, an die Hörner des Viehs und an die
Landwirtschafts- und Haushaltsgeräte. Noch am selben Tag muss auf dem
Getreidefeld der Familie ein Dornenstock eingegraben werden. Um diesen
herum werden Sand und weiße Flußkieselsteine ausgebreitet. Dies, so glaubte
man, sei ein guter Schutz vor Dämonen und Menschen, die der Familie Schlechtes
wünschen, und sollte zugleich eine gute Ernte sichern.
In Zeiten des Wassermangels pflegten die swanischen Frauen einen Knochen in
den nächstgelegenen See fallen zu lassen und dabei um Regen zu beten. In
einigen Dorfgemeinschaften war es üblich, dass die Männer Ikonen von Jesus
Christus und der Heiligen Jungfrau aus den Kirchen an das Ufer des Flusses
trugen und dabei religiöse Gebete sangen, um so für Regen zu beten. In
Georgien wird in diesem Zusammenhang immer noch der Tag des Heiligen Elias
gefeiert, an dem die Menschen für ausreichend Regen zu ihm beten.
Nachbarschaftliche Hilfe: "Nadi"
Wenn das Wetter schlecht wurde, mussten die Menschen die Ernte und andere
landwirtschaftliche Tätigkeiten beschleunigen. Dafür riefen sie ihre Nachbarn
und Verwandte zur Hilfe. Diese Form der Zusammenarbeit – Menschen helfen
einander ohne Bezahlung- wird "Nadi" genannt.
So überschritt z.B. der Bau der massiven Steinhäuser und Türme die
Kapazitäten einer einzelnen Familie, weshalb in so einem Fall viele
Gemeindemitglieder zusammenarbeiteten. Die Bezeichnung dafür lautet
"Mamitadi", bzw. in Swanetien "Lindi".
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Die Dorfältesten
Photo: Vittorio Sella 1890

Die Wache in Lagurka
(Kirche des Heiligen Kvirike)
Archiv des historischen Instituts, Ende des 19. Jh.

Partkuld Shampriani, a participant of rebellion of 1875

Shepherds in Tviberi gorge.
Vittorio Sella, 1889.

Young ladies. Vittorio Sella 1890.

The Ibex Hunter with a flint-gun

A family of Svans in Machubi hall

Log chute

Mowers. Mazeri (A. Jabava's photo)

Ploughmen. Kala

A woman with a churn. (G.Tikanadze's photo)

In a farm . (G.Tikanadze's photo)

A Svan woman

Grandfather and his grandson

A Svan man by a watermill

A Svan man

Making Svan felt hats is still in favour

Svanetian folk music and singing ensemble Riho
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