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REISEN INS LAND DES GOLDENEN VLIESES

Am Ende des 20. Jahrhunderts fanden georgische Archäologen und Paläontologen Überreste von Skeletten des Homo Erectus, mit einem geschätzten Alter von 1,75 Millionen Jahren. Französischen Anthropologen erstellten den alten Habitus anhand der entdeckten Skelettteile wieder her, gaben der Frau den georgischen Namen Mzia und nannten den Mann Zezva. Mzia und Zezva sind die ältesten Spuren menschlichen Lebens in Eurasien.

Zuvor wurden auf dem Territorium Georgiens aber auch schon Hinweise auf verschiedene Kulturen der Steinzeit, von der Alt- bis zur Jungsteinzeit, entdeckt. Somit ist hier der lange Evolutionsprozess der menschlichen Entwicklung rekonstruierbar und diese Funde erlauben es das geographische Ansiedlungsgebiet genau zu bestimmen. Wissenschaftler namen das georgische Territorium in die Liste der Gebiete unseres Planeten auf, in denen vermutlich die menschliche Entwicklung begann und von wo aus die ersten Emigrationsbewegungen ausgingen.

In der Jungsteinzeit hat die Weiterentwicklung der Steinwerkzeuge, der Landwirtschaft und der Viehzucht zum Übergang zur Sesshaftigkeit geführt. Der westliche Teil Asiens, einschließlich Georgiens, der eine reiche Flora und Fauna hat, ermöglichte die Entwicklung einer neuen Form der Landwirtschaft, nämlich die des Gewürzanbaues. Es wird darüber hinaus angenommen, dass dieses Gebiet der Ursprungsraum unseres Weizens ist.

Seit dem 4. Jh. v. Chr. ermöglichte die Entwicklung der Kupferbronzemetallurgie den sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt der Gesellschaft. Hacke und Spaten konnten mit der Erfindung des Pfluges und durch den Einsatz von Zugtieren ersetzt werden. Zur selben Zeit veränderte die Entwicklung des Bergbaus und der metallurgischen Industrien die Rolle des Mannes, was den Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat zur Folge hatte.

In Westgeorgien entwickelte sich in der späten Bronze- und frühen Eisenzeit die Kolchi-Gesellschaft. In der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts v. Chr. kam es in dieser Region zu einem Zusammenschluss georgischer Stämme: die Swanen, Megrelen und Kartlier formten das mächtige Königreich Kolchis. Der Ruhm und die Herrlichkeit Kolchis werden in dem alten Mythos der Argonauten beschrieben. In dessen unzähligen alten griechischen und römischen Versionen kann man sehr interessante und umfangreiche Information über die Vereinigung der georgischen Stämmen in Kolchis, ihren Lebensstil, ihre Kultur und über das geographische Gebiet in dem sie lebten, finden.

"Das goldene Vlies"

Die Legende der Argonauten ist eine der ältesten und wird auf die erste Hälfte des 2. Jahrhunderts v. Chr. datiert.

Der griechischen Mythologie zufolge sind die Zwillinge Phrixos und Helle, Kinder des Königs Athamas von Boiotien und seiner ersten Frau Nephele. Athamas' zweite Frau Ino hasste Phrixos und Helle, und versuchte die Zwillinge umzubringen. Phrixos and Helle wurden von einem fliegenden Widder, namens Chrysomeles gerettet, der von ihrer Mutter, der Göttin Nephele geschickt wurde. Helle stürzte aber auf der Flucht ins Meer, welches daraufhin nach ihr benannt wurde (Hellespont). Phrixos gelangte zum König Aietes von Kolchis und erhielt dessen Tochter Chalkiope zur Frau. Phrixos opferte Chrysomeles im Tempel des Zeus, gab dann Aietes das wertvolle Goldene Vlies, der es im heiligen Hain des Gottes Ares aufhing. Hier wurde es von einem niemals schlafenden Drachen bewacht.

Jason erhielt von seinem Onkel Pelias, dem König von Thessalien, den Auftrag das Goldene Vlies des Widders, auf dem Phrixos und Helle geflohen waren, aus dem Ares-Hain auf Kolchis zu rauben und nach Griechenland zurück zu bringen. Für diese Fahrt ließ Jason von Argos, dem Sohn des Phrixos, die Argo bauen und besetzte sie mit den mutigsten Helden. Nach einer langen Reise voller Schwierigkeiten und Abenteuer erreichten die Argonauten den Fluss Phasis (Rioni), segelten stromaufwärts und näherten sich dem Kutaia (Kutaisi), dem Schloss des Königs Aietes. Dieser verlangte von Jason als Gegenleistung für die Rückgabe des Goldenen Vlieses die Bewältigung schwierigster Aufgaben. Jason bestand diese Probe mit Hilfe von Medea, der Tochter des Aietes, die sich in Jason vom ersten Anblick an verliebte. Jason gelang es das Goldene Vlies zu erobern und kehrte mit Medea nach Griechenland zurück. Schon bald darauf verriet Jason Medea und heiratete eine Tochter des Königs Kreon von Korinth. Medea rächte sich daraufhin an Jason, in dem sie den König Kreon und seine Tochter tötete. Um sich und ihre Kinder zu schützen, verbarg sie sich in einem Tempel von Hera. Einer anderen Version des Mythos zufolge tötete Medea sogar ihre eigenen Kinder. Eine zeitlich später entstandene Version der Legende endet glücklicher- Aietes und Medea versöhnen sich und kehren nach Kolchis zurück.

Das Motiv der Argonauten wurde unsterblich und ist immer noch eine Quelle der kreativen Inspiration. Die Figur der Medea - eine kluge Frau, die sich mit den Geheimnissen der Natur auskennt - taucht in der modernen georgischen Dramaturgie, Prosa und Dichtung immer wieder auf; eine Skulptur von Medea wurde am Strand von Bichvinta (Pitsunda) 1969 aufgestellt.

Der Mythos der Argonauten war auch eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration für die Schriftsteller der Antike. Einzelne Teile oder sogar die ganze Legende dienten als Grundlage für zahlreiche literarische Werke. Die prominentesten unter ihnen sind die ’Ilias’ und die ’Odyssee’ von Homer (VIII. Jh. v. Chr.), die 'Medea' von Euripide (V. Jh. v. Chr.), ‚Argonautic’ von Apollonius von Rhodos (III. Jh. v. Chr.) und das gleichnamige Gedicht des römischen Dichter Valerius Flaccus (I. Jh. v. Chr.). Das Motiv der Argonauten wurde auch in anderen Künsten, wie z.B. der Musik, aufgegriffen.

Ein grosses Interesse gilt dem Ursprung des Goldenen Vlieses. Laut dem Wörterbuch (SVIDA) aus dem 10. Jahrhundert, dass sich auf Quellen aus der Antike, Byzanz und Hellenistik stützt, ist das Goldene Vlies eine allegorische Form der kreativen Narration. Wo aber liegen die Wurzeln der Legende vom Goldenen Vlies?

Strabo, ein antiker griechischer Historiker und Geograph aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. schrieb in seinen geographischen Werken, dass die Swanen für ihren Mut und ihre Energie bekannt sind und sie über die nördlich gelegenen Gebiete von Dioscuria (Sokhumi) herrschen. Weiter schildert Strabo, dass sie einen eigenen „Basileus“ (ein König) und einen Rat bestehend aus 300 Gesandten haben und in der Lage sind 200.000 bewaffnete Männer zu rekrutieren. Strabo erwähnte auch die Methode des Goldwaschens, bei der aus den Flüssen in Swanetien das Gold mit Hilfe perforierter Waschschüsseln und Schafs- oder Widderhäuten herausgewaschen wird. Das Goldene Vlies des Aietes war eine solche Haut.

Plinius ein römischer Gelehrter aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. erwähnte, dass im Kaukasischen Hochland Stämme aufmüpfiger Swanen leben, die wegen ihrer goldenen Vliese und ihrem Geschick beim Goldwaschen weithin bekannt sind.

Der römische Historiker Appian aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. beschreibt in seinen 24-bändigen Werk „Rhomaika“ („Römische Geschichte“), dass die Flüsse im Kaukasus unsichtbares Gold mit sich führen, welches von lokalen Kolchis durch das Aufstellen von Schafshäuten im Wasser herausgewaschen wird.

Die Legende der Argonauten taucht auch in der swanischen Mythologie auf. Das heutige Swanetien liegt in den Tälern zwischen den Flüssen Enguri und Tskhenistsqali. Legenden zufolge besetzten im antiken Zeitalter die Swanen den Nordteil des Kolchis-Tieflandes und den Südhang des Kaukasus, vom Flussbecken des Rioni bis hin zum Kodori-Tal. Archäologische Ausgrabungen, die in dieser Region 2000 Meter über dem Meeresspiegel durchgeführt wurden, brachten sehr viele Fundstücke der alten Bergmetallurgie hervor, die darauf hinweisen, dass hier nicht nur für das Königreich Kolchis produziert wurde, sondern auch für weitere Regionen im Kaukasus. Unter den archäologischen Fundstücken sind unter anderem viele vor Ort produzierte Werkzeuge wie Äxte, Lanzen und Pfeile, Holzschneideinstrumente, Landwirtschaftswerkzeuge und eine Vielfalt von Gold- und Bronzeartefakten, Schmucksachen, Nadeln, Armbändern, Ketten, Amulette sowie Silbermünzen, genannt „Kolch Tetri“, zu finden. Bei den Ausgrabungen fand man aber auch Artefakte wie Glasperlen, Schmuck, Silberbehälter und Töpferwaren, die in anderen Zentren der hellenistischen Welt, wie in Phoenicia, Syrien und Ägypten hergestellt wurden. Des weiteren wurden Münzen aus verschiedenen Ländern wie zum Beispiel Goldmünzen von Alexander dem Großen und Lisimachos oder Byzantinische Goldmünzen aus späteren Perioden gefunden. Es ist bemerkenswert, dass der Großteil der Goldmünzen von Alexander dem Grossen, die in Georgien ausgegraben wurden, in Swanetien gefunden wurden. Das ist ein eindeutiger Beleg für den intensiven Handel zwischen Kolchis bzw. Swanetien und den anderen Handelsregionen rund um das Schwarze Meer. Dies kann auch damit belegt werden, dass Kolchis-Münzen bei archäologischen Ausgrabungen auf der Krim, in der Türkei (bei Trabzon) und in Zentralasien im Fergana–Tal gefunden wurden. Es ist also davon auszugehen, dass Kolchis weit über seine Grenzen hinaus Handel betrieb.

Die erwähnten archäologischen Fundstücke können im Regionalmuseum der Stadt Mestia in Swanetien besichtigt werden.

Weitere Verbindungen zwischen den Argonauten und Swanetien können durch die Miniaturbronzebilder, die in vielen Dörfern Swanetiens gefunden wurden, hergestellt werden. Sie zeigen, stark stilisiert, einen Rammkopf der mit einem Vogelkörper kombiniert ist. Obwohl solche Gegenstände häufig mit dem Totemglauben in Verbindung gebracht werden, ist der Bezug zum Goldenen Vlies im diesem Fall offensichtlich.

Die 1984 durchgeführte Forschungsreise namens "Neue Argonauten", die vom englischen Wissenschaftlers Tim Severin geleitet wurde, folgte dem Weg, den Jason und seine Mannschaft vor dreitausend Jahren zurückgelegt haben. Severin startete seine Reise in der griechischen Stadt Volos, segelte durch das Ägäische Meer, die Dardanellen, das Marmormeer, den Bosporus und das Schwarze Meer und näherte sich schließlich der Stadt Poti (Phasis), von der aus er den Rioni Fluss bis zur Stadt Kutaisi (Kutaia) hinaufsegelte. Die These von der tatsächlichen Existenz der Argonauten, konnte durch die Erkenntnisse der Forschungsreise untermauert werden. Die „Neuen Argonauten“ besuchten auch Swantien, die Heimat des legendären Goldenen Vlieses, in der noch immer das Geheimnis des Goldwaschens gehütet wird.




Mzia und Zezva


Öffnung einer alten Mine, Mestia.
(Sh. Chartolani)


Juwelen
(Sh. Chartolani)


Schmuck
(Sh. Chartolani)


Ein bronzener Schafsbock
(Sh. Chartolani)


Totemskulpturen
(Sh. Chartolani)


Schafsbockvogel
(Sh. Chartolani)


"Die neuen Argonauten"
Mit den Unterschriften der Crewmitglieder, 1984
(T. Zoidzes Archiv)


Die Argo
(Modell von L. Rukhadze')

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